DDC Layer

Vorheriger Abschnitt Laden der vorherigen Artikel

Zeug Klassifizierung: 623.4 KampfmittelDDC-Icon Klassifizierung: 664.1 Zucker, Sirup, daraus entstandene ProdukteDDC-Icon Klassifizierung: 677 Textilien DDC-Icon Klassifizierung: 686 Drucken und verwandte TätigkeitenDDC-Icon Klassifizierung: 623.8 Schiffstechnik und NautikDDC-Icon Klassifizierung: 664.752 BackwarenDDC-Icon , Stoff, Materie, woraus Etwas verfertigt werden soll, oder worden ist; s. Pfeil-IconPapiermühle; so v. w. Mörtel; so v. w. Teig; so v. w. Weinbeeren, auch wohl die Weinstöcke; so v. w. Schriftzeug, auch die alten abgenutzten Lettern, welche wieder eingeschmolzen werden; Wolle und Haare, welche zu dem Filze gebraucht werden; das mit andern Metallen verbundene Messing; der unreine, grobe Zucker, welcher noch raffinirt werden soll; (Bergb.) so v. w. Kunstzeug; Gährungsmittel zu Semmeln, welche weder Sauerteig, noch Bierhefen sind; daher: auf den Zeug backen, sich solcher Gährungsmittel bedienen; das schwere Geschütz und andere Kriegsgeräthschaften; so v. w. Fischwathe; (Hüttenw.) so v. w. Kupferkönig; die Takelage eines Schiffs und Alles, was zur Regierung desselben über Wasser dient; bei Pochwerken die Stampfen und Alles, was zur Hebung derselben dient; ein feiner Rumpel, s. Pfeil-IconKammmacher; (Feuerw.) so v. w. Satz; (böses Zeug), so v. w. Epilepsie; Zeug und Zusammensetzungen, s. Zeuch.

Zeugamt Klassifizierung: 355 MilitärwissenschaftDDC-Icon , Behörde, welche die Aufsicht über die Kriegsgeräthschaften führt.

Zeugbaum, s. Pfeil-IconWebestuhl.

Zeugbütte (Zeugbutte, Papierm.), so v. w. Werkbutte.

Zeuge Klassifizierung: 345 StrafrechtDDC-Icon Klassifizierung: 347 Zivilprozessrecht und ZivilgerichteDDC-Icon (lat. Testis), heißt eine Person, die aussagen soll, was sie mit ihren äußeren Sinnen von einer <241, 179> Thatsache wahrgenommen hat (Beweis= oder gerichtliche Zeugen), oder welche dazu erfordert wird, um von einer Thatsache Wissenschaft zu erhalten und durch ihre Gegenwart einem Geschäfte die gesetzliche Form und Gültigkeit zu geben (Instruments= und Solennitäts=Zeugen), wie bei Testamenten. Bei letzteren Zeugen ist besonders nöthig, daß sie guten Ruf haben, ihre Bestimmung kennen und sich als Zeugen freiwillig gebrauchen lassen. Frauenzimmer und gerichtlich erklärte Verschwender können zwar Beweis=, aber nicht Solennitäts= und Instruments=Zeugen sein. Dagegen werden mehrere als Beweis=Zeugen Ungültige oder mindestens Verdächtige, als Instruments=Zeugen zugelassen, z. B. nahe bei der Sache Betheiligte, wie der Legatar bei dem Testament, worin das Legat ausgesetzt ist. Der Beweis=Zeuge muß vereidet werden, aber gewöhnlich nicht der Instruments=Zeuge; meist werden zum Beweise nur zwei vollglaubwürdige, zur Legarisirung eines Geschäfts aber mindestens drei, ja in wichtigen Fällen fünf, wie bei Beweisen der Zahlung, bei schriftlichen Schuldbekenntnissen etc., sieben, wie bei Privat=Testamenten, und acht Zeugen, wie bei dergleichen einer Person, die nicht schreiben und lesen kann, erfordert. Der Mangel eines Solennitäts=Zeugen kann durch nichts Anderes, auch nicht durch den Erfüllungseid ergänzt werden, der Beweis=Zeuge aber durch jedes andere Beweismittel. Instruments=Zeugen ertheilen ihr Zeugniß durch Unterschrift, Beweis=Zeugen dagegen mündlich, daher im ersten Falle diejenigen, welche nicht schreiben können, in der Regel ausgeschlossen sind. Die Zeugen, als Beweismittel, dürfen nicht verwechselt werden mit Kunst= oder Sachverständigen (Artis periti), Personen, die in Sachen, zu deren Beurtheilung besonders Sachkenntniß nöthig ist, zu Abgabe ihres Urtheils requirirt werden. Sie sind Gehülfen des Richters <241, 180> und rücksichtlich ihrer Ernennung und Abhörung wird ganz anders als bei Zeugen verfahren. Man nennt sie öfters Urtheils=, jene dann aber faktische oder Thatsachen=Zeugen. Vergl. Art Pfeil-IconTestis.

Schon das Mosaische Gesetz enthält Bestimmungen über Zeugen vor Gericht. Jeder vor Gericht erscheinende Zeuge wurde vorher vereidigt, daß er die Wahrheit sagen wollte; in Criminalsachen, besonders bei Untersuchungen von Tödtungen, mußten wenigstens zwei oder drei Zeugen abgehört werden und im erstern Falle, wenn nur zwei vorhanden waren, mußten ihre Aussagen übereinstimmen. Wurde der, gegen den gezeugt worden war, in Folge des Zeugnisses z. B. gesteinigt, so mußten die Zeugen die ersten Steine auf ihn werfen. Ablegung eines vorsätzlich falschen Eides wurde nach dem strengsten Rechte der Wiedervergeltung bestraft. Bei den Griechen mußten die Zeugen freie und unbescholtene Männer sein; Sklaven wurden nicht zum Zeugniß gelassen, ausgenommen, wenn man ihnen auf der Folter ein Geständniß abforderte; auch durch schlechtes Betragen Gebrandmarkte und mit der Atimie Belegte, durften nicht zeugen. Die Zeugen waren entweder Augen=Zeugen, welche die That mit angesehen hatten, oder solche, welche aus irgend einem Grunde nicht zugegen sein konnten und ihr Zeugniß entweder durch einen Andern, oder schriftlich abgaben (Ekmartyria). Ueberhaupt mußte jeder Zeuge seine Aussage aufschreiben, theils damit die Aussage nicht verfälscht oder abgeändert werden konnte, theils damit der, gegen welchen gezeugt worden war, Gelegenheit hatte, bei etwaig irrigem oder falschem Zeugniß gerichtlich zu belangen. Freunde und Bekannte konnten nicht genöthigt werden, als Zeuge aufzutreten. Uebrigens stand bei den streitenden Parteien eine Art Exception durch Zeugenstellung (Diamartyria) frei, um dadurch einer <241, 181> Klage auszuweichen. Falsche Zeugen (Pseudomartyres) wurden um Geld gestraft, ebenso wie die, welche falsche Zeugen gedungen hatten. Im römischen Rechtsverfahren, und zwar beim Civil=Prozeß, mußten die Zeugen mündig und in der Mehrzahl vorhanden sein Wenn Jemand einen vor Gericht laden, dieser aber sich nicht stellen wollte, so forderte er einen Dritten zum Zeugen auf, daß er jenen förmlich geladen habe, wollte er sich als Zeuge hingeben, so hielt er sein Ohr hin, welches der Kläger dann anrührte. Verbindlichkeit, sich oder seinen Sklaven als Zeugen zu stellen, fand vor Justinian nicht Statt, wer sich aber als Zeugen zuziehen ließ, mußte auch Zeugniß ablegen, wo nicht, so durfte er nie wieder als Zeuge auftreten. Sonst mußten, wenn Zeugen bei gerichtlichen Verfahren nöthig waren, der, welcher einen Zeugen brauchte, sich der Obvagulatio bedienen, d. h. er mußte den Zeugen vor dessen Thüre in drei aufeinander folgenden Tagen einladen. Vereidung der Zeugen wurde erst seit Constantin Sitte. Das Zeugniß der Sklaven galt nur, um den Beweis zu vervollständigen; Folter war nicht überall für die Sklaven zulässig in Civilsachen. Aber weder für den jetzigen noch für den frühern Herrn durften Sklaven zeugen, auch nicht gegen den gegenwärtigen Herrn. Freigelassene konnten eben so wenig für, als gegen ihren Patron zeugen. In Criminalfällen konnte einer genöthigt werden, als Zeuge zu erscheinen, doch nach der Lex Julia nicht gegen nähere Verwandte, Patrone und gegen Freigelassene; der Zeuge mußte wenigstens 20 Jahre alt und konnte selbst ein Frauenzimmer sein. Gegen denselben Verbrecher konnte Niemand zum zweiten Male als Zeuge auftreten, und wo der Sklaven Zeugniß gelten sollte, mußte es auf der Folter abgelegt und sonst noch unterstützt sein. Die eigenen Sklaven des Beklagten konnten nur bei <241, 182> Majestätsverbrechen und bei Ehebruch gebraucht werden, aber auch eben so wenig konnte der Kläger seine Sklaven als Zeugen vorführen. Sollte ein Dritter Sklaven als Zeugen hergeben, so mußte ihm erst Caution erlegt werden für den Fall, daß sie durch die Folter Schaden litten. Verweigerte ein Zeuge in Criminalsachen die Aussage, oder schwankte er darin, so wurde auch gegen ihn, als Freien, die Tortur angewendet. Schriftliche Zeugnisse galten nur, wenn der Zeuge abwesend war. Falsche Zeugen wurden nach dem Gesetze der 12 Tafeln von dem tarpejischen Felsen gestürzt, in der Folge war die Strafe willkürlich; Soldaten wurden von ihren Kameraden durch Ruthen zu Tode gepeitscht. Bei den Germanen konnte jeder Freie (aber auch gegen einen Freien nur ein Freier) Zeuge sein, der bei einem verhandelten Geschäft zugezogen wurde, um es nöthigen Falls durch Aussage bestätigen zu können. Die Feierlichkeinen, einen zum Zeugen zu nehmen, war entweder, daß man ihm beim Ohr nahm, oder mit ihm trank. Zugezogene Zeugen hatten Verpflichtung zur Aussage, welche eidlich geschah, ausgenommen bei den Longobarden. Aber die Aussage der Zeugen galt auch als Entscheidung. Gehörig war die Zahl von sieben Zeugen zur Entscheidung einer Sache. In der Regel wurden die Zeugen vom Kläger zum Beweis seiner Klage beigebracht, doch konnte auch der Beklagte durch sie das Geschäft bestätigen lassen, worauf er seine Vertheidigung stützte. Eine Art Zeugen waren im deutschen Rechtsverfahren die Eideshelfer.

Zeugefall (Gramm.), so v. w. Genitivus.

Zeughaus, so v. w. Arsenal, besonders ein solches für eine Landarmee; s. Pfeil-IconPapierfabrik.

Zeugites Klassifizierung: 584.9 Poales DDC-Icon , Pflanzengattung aus der natürlichen Familie der Gräser, Ordnung Saccharinen, Spr., Rchnb., 21. Kl. 3. Ordn. L. Art: Z. americana, in Jamaika.

<241, 183>

Zeugniß Klassifizierung: 345 StrafrechtDDC-Icon Klassifizierung: 347 Zivilprozessrecht und ZivilgerichteDDC-Icon , Verbindlichkeit dazu. Die Verbindlichkeit, in einer Civil= oder Criminalrechtssache ein Zeugniß abzulegen, hat in der Regel Jeder, welcher eidesmündig ist (worüber allemal bei Gericht Auskunft erlangt werden kann), von den Parteien oder dem Richter zum Zeugniß aufgefordert wird und nicht durch das Gesetz für unfähig zum Zeugniß erklärt worden ist, sich auch nicht auf einen Befreiungsgrund berufen kann. So wie nun in Rechtssachen keinem Zeugniß Glauben beigemessen wird, wenn nicht die Wahrheit desselben eidlich versichert worden ist, so ist auch jeder Zeuge verpflichtet, den Zeugeneid zu leisten. Verweigert eine als Zeuge benannte Person entweder überhaupt ein Zeugniß abzulegen, oder den Zeugeneid zu schwören, so kann sie dazu von dem Richter durch Geld= und Gefängnißstrafen angehalten werden. Läßt sich die Person auch dadurch nicht zur Erfüllung ihrer Schuldigkeit zwingen, so ist sie verbunden, derjenigen Partei, welche sich auf ihr Zeugniß berief, die aus dieser Weigerung entsprungenen Schäden zu ersetzen. Gewisse Personen aber, zu denen nach gemeinem Rechte blos nahe Verwandte und Schwäger gehören, können zur Ablegung eines Zeugnisses gar nicht, selbst dann nicht gezwungen werden, wenn die streitenden Parteien mit einander dahin übereingekommen sind, daß eine solche Person Zeuge in der Sache sein soll. Diese gemeinrechtlichen Grundsätze sind auch in Sachsen, Preußen und Oesterreich geltend, so zwar, daß in diesen Ländern verschiedenen Personen, theils nach dem Gesetze, theils nach dem Gerichtsbrauche, Befreiung von der Verbindlichkeit, ein Zeugniß abzulegen, zukommt. Es würde jedoch zu weit führen, diese einzelnen Befreiungsfälle aufzuzählen, und es genügt, auf diese Verhältnisse nur aufmerksam gemacht zu haben, da ein Jeder, welcher in einer gewissen Rechtssache von der Verbindlichkeit, <241, 184> ein Zeugniß abzulegen, befreit zu sein glaubt, hierüber vor der Ablegung des Zeugnisses von dem Richter selbst die beste Auskunft erlangen kann.

Zeugung Klassifizierung: 571.8 Fortpflanzung, Entwicklung, WachstumDDC-Icon , Generatio, französisch und englisch Géneration. Man versteht darunter die Verrichtung, vermittels welcher die organischen und lebenden Körper sich reproduciren, neue Individuen hervorbringen, die ihnen gleich sind und durch welche sie ihre Art für immer fortpflanzen.

Die Zeugung kommt dem lebenden Wesen ausschließlich zu, man kann mit diesem Namen nicht die Art und Weise belegen, wie die Miniralien sich aus einander bilden. Ein Mineral hört auf zu sein, indem es behufs der Erzeugung eines andern die Elemente liefert, die es bilden; das lebende Wesen dagegen giebt nur einen Theii von sich selbst, welcher in Folge mehrerer Entwickelungen zu einem neuen, ihm gleichen Individuum wird, es reproducirt sich, ohne zu sterden. Dieses Reproductionsvermögen war übrigens für diese Wesen durchaus nothwendig, da die Natur sie zum Sterben verurtheilt hat, so mußten sie wohl das Vermögen besitzen in andere wieder aufzuleben; durch dieses Vermögen der lebenden Wesen hat der Schöpfer die Erhaltung des Universums gesichert. Es scheint daher auch werthvoller zu sein, als das Ernährungsvermögen selbst; bei den niedrigsten Thieren leben viele nur, um sich zu reproduciren, und sterben sogleich nachher: bei den höhern Thieren ist das Individum vor dem Alter, in welchem die Reproduction möglich ist, nicht vollkommen, und es hört auf zu sein und fängt an zu sterben, wenn man so sagen kann, sobald dieses Vermögen nicht mehr vollzogen werden kann. Wer sieht übrigens nicht, daß das Individuum nur ein unendlich Kleines in der großen Gesammheit ist und das die Zeugung zur Unterhaltung dieses letztern dient? diese Vernichtung, welche zur <241, 185> Ersetzung dieser Verluste, die der Tod verursacht, bestimmt ist, enthält ihrerseits wiederum die unerbittliche Nothwendigkeit dieses letztern in sich; es würde sonst bald das Universum von lebenden Wesen überfüllt sein. Ihre Vollziehung ist nicht während des ganzen Lebens möglich; sie kann in der Regel nur vollzogen werden, wenn das Wachsthum vollendet ist, und ist sowohl im ersten als im letzten Falle unmöglich. Es tritt dies unstreitig bei den lebenden Wesen, deren Leben lang und in besondere Lebensalter getheilt ist, deutlicher hervor; sie ist bei den obern Thieren nur von dem Alter der Pubertät an, und bei den höhern Thieren zur Zeit der Blüthe möglich; es verhält sich aber bei allen auf gleiche Weise.

Die Verfahrungsweisen, durch welche die Zeugung zu Stande kemmt, sind in der Generalität der lebenden Wesen sehr verschieden. Vielleicht giebt es erstens einige, die sich von freien Stücken durch die Vereinigung ihrer constituirenden Elemente nach Art eines Minerals, aber in Folge einer andern Kraft als die moleluräre Anziehung bilden, daß sie die Bildung eines lebenden Körpers zum Resultate hat. Es ist dies das was man freiwillige oder ungleichartige Zeugung nennt, generatio spontanea, aequivoca, primitiva, primigena, originaria, französisch, generation spontanée, nennt. Die Alten hatten ihr Gebiet bedeutend ausgedehnt. Da sie aus den Ueberresten der lebenden Körper, Insekten, Würmer, entstehen sahen, so glaubten sie an eine Zeugung durch Fäulniß, Putrefactio unius, generatio alterius. Sie trieben diese Ansicht so weit, daß sie glaubten, die Frösche entständen aus dem Schlamme der Wässer, und die Ratten aus der Erde der Felder. Allein die Fortschritte der Naturgeschichte haben die groben Irrthümer beseitigt. Redi, Swammerdam haben bewiesen, daß die neuen Thiere, welche in dem faulen<241, 186>den Fleische zum Vorschein kommen, von Insekten und Wurmeiern, die vorher darin niedergelegt worden sind, herrühren; denn wenn dieses Fleisch in luftdicht verschlossene Gefäßen gethan wird, so bilden sich keine neue Thiere mehr darin. Spallanzani hat dargethan, daß die mikroskopischen Thierchen sich durch eine Scission ihres Körpers vervielsältigen, und daß von diesen Scissionen jene Tausende von neuen Thieren, die in den Flüssigkeiten zum Vorschein kommen, herrühren.

Ueber diese erste Wesen hinaus geschieht die Zeugung nur vermittelst eines von lebenden Körpers gelieferten Theiles, was zu einem neuen Individuum wird, welches dem, von welchem es abstammt, gleich ist; es entsteht demnach jedes Individuum von einem andern; es sind aber zahlreiche Unterschiede möglich. Bald theilt sich das Wesen in einer gewissen Lebensepoche in mehrere Stücke, die eben so viele neue Individuen bilden, was man die Spaltzeugung, generatio fissipassa, nennt, wovon die Infusorien uns ein Beispiel darbieten. Bald treibt das Wesen an einer gewissen Stelle seines Körpes kleine Triebe, Knospen, die ebenfalls zu einer bestimmten Zeit sich loslösen, um die neuen Individuen zu bilden, was man die generatio gemmipara, nennt, die eine äußere oder innere ist, je nachdem sich die Knospen an der äußern Fläche des Körpers oder in einem innern und besondern Stelle entwickeln. Die Polypen bieten uns die äußere generatio gemmipara, und die Darmwürmer die innere generatio gemmipara dar. Endlich kommt in dem übrigen Theile des lebenden Thierreiches die Zeugung vermittels besonderer Organe nennt, wovon die einen weibliche, die andern männliche sind, und von denen nach der am allgemeinsten verbreiteten Ansicht die erstern einen Keim, welcher die Rudimente des neuen Individuums ent<241, 187>hält und die letztern eine Feuchtigkeit, welche den Keim belebt und seine Entwickelung und Losstoßung veranlaßt, enthalten.

In den beiden ersten Fällen kann ein Individuum allein sich reproduciren. In dem letztern ist es manchmal noch möglich, wenn die beiden Geschlechter in einem und demselben Wesen vereinigt sind, also dieses ein Hermaphrodit ist, wie es sich z. B. bei fast allen Pflanzen und mehreren Mollusken verhält. Doch giebt es auch einige Wesen, die, obschon sie beide Geschlechter besitzen, sich doch nicht allein befruchten können, sondern der Beihülfe eines andern bedürfen z. B. die Schnecken, die sogar eine doppelte Begattung darbietet, indem jedes Individuum zu gleicher Zeit sich als Männchen und Weibchen verhält. Bei den höhern Thieren aber findet sich jedes Geschlecht in einem verschiedenen Individuum. Die Thierspecies besteht aus zwei Individuen, dem Männchen und dem Weibchen, und die Beihülfe dieser beiden Individuuen ist zur Reproduction durchaus nothwendig.

In diesem letztern Falle, welcher auch derjenige des Menschen ist, bieten sich zwei neue Unterschiede dar. Manchmal wie das befruchtende Fluidum des männlichen Geschlechts, wenn dieses letztere von dem Weibchen gelegt worden ist, wie z. B. bei den Fischen. Andere Male dagegen könnte das Ei, nachdem es gelegt worden ist, nicht mehr befruchtet werden, und es das Fluidum des männlichen Geschlechtes auf dasselbe ein, wenn es noch im Innern des Weibchens enthalten ist, wie bei den Vögeln und Säugethieren; alsdann besitzt das männliche Individuum ein Organ, was geeignet ist, in die Theile des Weibchens einzudringen, und es findet bei der Zeugung nothwendig das statt, was man Begattung nennt.

Endlich können, wenn Begattung statt findet, noch folgende Varietäten exisiiren:

<241, 188>

1) Es wird entweder das Ei, nachdem es befruchtet worden ist, sogleich von dem Weibchen gelegt und nur erst nach dem Legen kommt das neue Individuum zum Vorschein, was die Oviparen konstituirt, oder: 2) es wandert das befruchtete Ei, obschon es sogleich gelegt, wird, so langsam durch die Ausscheidungswege, daß es darin ausgebrütet wird und das neue Individnum mit seiner eigenthümlichen Form aus dem Schooße seiner Mutter kommt; was die Ovoviviparen ausmacht, wie z. B. die Viper; oder es löst sich 3) endlich das befruchtete Ei sogleich von dem Eierstock los; aber statt nach außen abgelegt zu werden, bleibt es in einem Behälter, der Gebärmutter genannt wird, setzt sich darin fest, bezieht die zu seiner Entwickelung nützlichen Säfte von demselben, und wird, indem es so auf Kosten seiner Mutter wächst, in diesem Behälter ausgebrütet, so daß das Individuum in seiner eigenthümlichen Form zum Vorschein kommt. Es erhält ferner dies neue Individuum nach seiner Geburt von einer der Absonderungen seiner Mutter seine erste nahrung, die Milch. Es constituirt dieß die Viviparen, bei welchen die Zeugung außer der Begattung noch das umfaßt, was man die Schwangerschaft und das Säugen nennt.

Die Rolle der beiden Geschlechter ist bei der Zeugung nicht gleich wichtig. Der Mann hat nur das zur Bewerkstelligung der Befruchtung bestimmte Fluidum zu liefern und dies Fluidum in die inneren Theile des Weibes zu bringen; er trägt nur zur Begattung und Befruchtung bei. Es besteht daher auch sein Geschlechtsapparat daher auch nur aus zweierlei Theilen aus solchen, welche das befruchtende Fluidum bereiten und bewahren und aus solchen, welche die Begattung vollziehen. Die ersteren sind: 1) zweipaarige Drüsen, die Hoden, welche aus dem Blute des be<241, 189>fruchtende Fluidum, den Saamen absondern 2) die Ausscheidungsgänge dieser Drüsen, welche Ductus deferentes genannt werden: 3) die Saamenbläschen, welche eine Fortsetzung der Ductus deferentes bilden und Behälter sind, worin das Fluidum aufbewahrt wird 4) endlich zwei andere Kanäle, Ductus ejaculatorii genannt, welche der Saamen aus der Saamenbläschen in die Harnröhre bringen, aus welcher er hierauf nach außen hervorgespritzt wird. Die letztern sind der Penis oder die Ruthe, ein Organ, wrs wesentlich aus einem erectilen Gewebe besteht, was eine beträchtliche Steifigkeit annehmen kann, Corpus avernosum genannt, und in seiner ganzen Länge von dem Kanale der Harnröhre durchzogen wird.

Das Weib liefert den Keim und in ihrem Schooße muß die Befruchtung vor sich gehen; in dieser doppelten Hinsicht hat sie auch an der Begattung und an der Empfängniß Theil; sie liefert aber auch dem Fötus ein Asyl, trägt ihn eine gewisse Anzahl Monate, scheidet ihn aus und säugt endlich das Kind nach der Geburt. Ihr Geschlechtsapparat muß also aus einer größern Anzahl Theile bestehen, nämlich außer denen, welche den Keim bilden und die Begattung vollziehen, noch aus denen, die zur Schwangerschaft zur Geburt und zum Säugen dienen. Er besteht:

1) aus den Eierstöcken, paarigen Organen, die den Hoden des männlichen Geschlechts analog sind und die Eichen oder die Keime liefern, 2) aus den Muttertrompeten, Ausscheidungskanäle, welche die Keime von den Eierstöcken aufnehmen und sie zur Gebährmutter nehmen, 3) aus der Gebährmutter, welche das befruchtete Eichen empfängt, es während der ganzen Schwangerschaft bewahrt, seine erste Entwickelung besorgt und es bei der Geburt ausstößt, 4) aus den Brüsten, welche aus dem Blute die zum Säugen nothwendige Milch absondern 5) aus dem Kanale, <241, 190> welcher Scheide genannt wird, sich von der äußern Scham bis zur Gebärmutter erstreckt und bei dem Begattungsact den Penis aufnimmt.

Die verschiedenen Theorien über die Zeugung mußten von den über die Natur des Saamens und und über die der von dem Eierstock gelieferten Materie angenommenen Ideen abhängen. Was nun den Samen betrifft, so hat man nach einander ihn für ein aus den Elementen eines jeden Theils des menschlichen Körpers gebildetes und folglich zur Wiederbildung eines jeden Theiles bestimmtes Fluidum, als das Vesikel von Thierchen, die in Folge mehrerer Metamorphosen das neue Individuum werden, oder das Hauptelement, das Nervensystem, constituiren, endlich für ein Belebungsfluidum, was bestimmt ist, einem Keime die Lebens= und Entwickelungsbewegung mitzutheilen, erklärt. In Bezug auf die von dem Eierstock gelieferte Materie finden die nämlichen Meinungsverschiedenheiten statt. Die Einen sagen, daß sie ein mit einem Samen, der wie der nämliche, aus den Elementen eines jeden Körpertheils gebildet ist, angefülltes Bläschen sei, die Andern sagen, daß sie ein Bläschen sei, welches bestimmt ist, den Samenthierchen als Stoff zu dienen oder ihm ernährende Materie zu liefern. Andere machen daraus eine amorphische Substanz, die aber jene gallertartige Natur habe, die sie zur Aufnahme der Lebensursache, der Lebensbewegung, befähige; noch Andere machen daraus einen Keim, ein Ei, was in dem Weibchen präexistirt und die Fähigkeit besitzt, unter dem befruchtenden Einflusse des Samens ein Individuum zu bilden, was Demjenigen, welches es geliefert hat, gleich ist. Daher rühren die vielen verschiedenen Systeme über die Zeugung; man zählt deren mehr als zwei Hundert, alle lassen sich jedoch auf zwei, nämlich auf das <241, 191> System der Epigenese und das der Evolution zurückführen.

1) Epigenese. -- Bei diesem System nimmt man an, daß das neue Individuum durch die Vereinigung von Molecülen, die im Voraus die zu seiner Constituirung geeignete Beschaffenheit hatten, oder sie plötzlich empfangen haben, ganz neu gebildet wird. Eine an und für sich selbst unbekannte Kraft, die aber von den allgemeinen Kräften der Materie verschieden ist, da sie die Schaffung eines lebenden Wesens zum Resultate hat, und nach einander, cosmische, plastische wesentliche Kraft, Bildungstrieb, Bildungskraft u. s. w. genannt worden ist, hat nicht blos der Vereinigung vorgestanden, sondern auch dem neuen Wesen alle jene Theile mit ihrer Coordination und ihren Eigenschaften gegeben. Uebrigens weichen die Schriftsteller in der Art und Weise, wie sie die Epigenese aufgefaßt haben, von einander ab, indem sie dieses System nicht blos auf die tägliche Reproduction der gegenwärtigen lebenden Wesen, sondern auch auf ihren primitiven Ursprung anwenden.

Sollen wir, um mit dem, was auf diesen letztern Gegenstand Bezug hat, zu beginnen, an jene Theorie der griechischen Philosophen Leucippus und Empedocles erinnern, nach welcher das Universum primitiv eine Zusammensetzung von in einem unendlich leeren Raume herumirrenden Atome gewesen ist, und alle Körper, die gegenwärtig vorhanden sind, durch die zufällige Vereinigung dieser Atome gebildet wurden? Vermöge der unendlichen Anzahl der Atome, und der Verbindungen, die sie liefern mußten, wurden unstreitig viele Wesen erzeugt, die ihr Dasein fortzusetzen, unfähig waren, allein es bildeten sich auch einige, die zu leben fortfahrrn konnten, und dieß sind diejenigen, die wir jetzt sehen. Diese Hypothese ist trotz ihrer Albernheit von den Neuern angenommen wor<241, 192>den, z. B. von Bourguet, welcher sagt, daß die Krystalle einen Anfang von Organisation verrathen und daß die ersten organischen Wesen, wie Krystalle durch eine Art von Krystallisation, von chemischer Präcipitation gebildet worden sind. Sollen wir ferner von den Gelehrten sprechen, die durch die Annahme einer verborgenen Kraft das Geheimniß des Schöpfers erfaßt, und den Abgrund, der hier unsere Vernunft hemmt, übersprungen zu haben? Von Needham, welcher unter dem Namen vegetative Kraft eine mit der Bildung und Beherrschung der organischen Welt beauftragte Kraft annimmt? Oder von Wolf, von Blu= menbach, die unter dem Namen wesentliche Kraft, Bildungstrieb, ähnliche Kräfte annehmen? Es ist offenbar, daß sie ebenso wenig etwas von der Sache wußten und sich nur mit Worte beholfen haben. In den neuern Zeiten hat auch Lamarck diese Frage erörtert und sich folgendermaßen darüber ausgesprochen: „Die ersten organischen Wesen, welche vorhanden waren, wurden durch eine Art spontaner Zeugung ganz neu gebildet, sie verdanken ihr Dasein dem Einflusse einer erregenden Ursache des Lebens, die wahrscheinlich von dem umgebenden Medium geliefert wurde und wahrscheinlich auch mit dem Lichte oder dem elektrischen Fluidum zusammenhing. Sobald diese Ursache eine Materie von so dichter gallerartige Consistenz, daß sie Fluida zurückhalten konnte, antraf, so organisirte sich dieselbe zu Zellgewebe, und es wurde ein lebendes Wesen gebildet, wie dies noch alle Tage an der Gränze des vegetabilischen und animalischen Reiches geschieht.

Von nun an äußerte dieses Wesen die drei Lebensvermögen: Ernährung, Wachsthum und Reproduction, jedoch nur in den einfachsten Weisen. Bald wurde es complilirter, denn das Eigenthümliche der Lebensbewegung besteht darin, daß sie immer strebt, <241, 193> die Organisation zusammengesetzter zu machen, besondere Organe zu schaffen, die verschiedenen Activitätscentra zu trennen und zu vervielfältigen. Indem nun hierauf die Reproduction constant Alles das, was erreicht worden war, erhielt, so bildeten sich auf diese Weise nach und nach zahlreiche und verschiedene Arten, die immer ausgedehntere Vermögen besaßen.” Demnach schaffe die Natur, Lammarck zufolge, nur direct die ersten Entwürfe des Lebens und nimmt nur indirect an dem Vorhandensein der zusammengesetzten lebenden Wesen Theil. Diese letztern kommen von erstern, in Folge einer außerordentlichen Zeit, von unendlichen Veränderungen und einer immer zuenehmenden Zusammensetzung in der Organisationen, indem die Reproduction alle die erworbenen Modificationen, alle die erlangten Vervollkommnungen bewahrt. So würde ein und derselbe Akt für den Schöpfer hinlänglich gewesen sein, um die ganze so mannichfaltige Reihe der lebenden Wesen hervorzubringen und selbst noch neue hinzuzufügen. Es liegt nicht in unserer Absicht, uns tiefer in diesen Gegenstand einzulassen, und wir gehen daher zu den Anwendungen über, die von der Epigenese auf die Reproduction der gegenwärtigen lebenden Wesen gemacht worden sind.

Nach Hippocrates hatte jedes Geschlecht zwei Samen, die beide Fluida waren, aus Materien bestanden, welche von allen Theilen des Körpers und vorzüglich von nervösen Partieen herrührten. Von diesen beiden Samen erzeugte der stärkste die männlichen, die schwächste die weiblichen Früchte. Bei der Zeugung vermischten sich diese Samen in der Gebärmutter und bildeten durch den Einfluß der Wärme dieses Organs vermittelst einer Art thierischen Krystallisation das neue Individuum. Dieses letztere war ein Knabe oder ein Mädchen, je nachdem der starke oder schwache Samen vorherrschte. Hippo<241, 194>crates giebt nicht an, was dann geschah, wenn der starke Samen von dem einen der Geschlechter mit dem schwachen Samen des andern vorherrschte. Die Thatsachen, auf welchen diese Theorie beruht, sind falsch: es giebt keine zwei Samen bei dem Manne; das Vorhandensein eines Samens bei dem Weibe ist gerade das, was in Frage steht; die Empfängniß hat ihren Sitz nicht in der Gebärmutter, sondern in dem Eierstocke, man erblickt in dieser Theorie nur die ohnmächtigen Anstrengungen der Einbildungskraft.

Aristoteles ist auch nicht sehr positiv: „Das Weib trägt nicht vermittels eines Samens, sondern durch das Blut der Menstruation zur Zeugung bei; dieses Blut giebt die Basis des neuen Individuums ab; und der Same giebt ihm die Form und die vitale Bewegung. In einem metamorphosischen Style sagt Aristoteles, daß das Menstrualblut der Marmor, der Same der Bildhauer und die Frucht die Natur sei.” Wenn diese beiden großen Männer, Hippocrates und Aristoteles stets auf diese Weise in den Wissenschaften verfahren wären, so hätten sie nicht die unsterblichen Rechte, die sie auf unsere Erkenntlichkeit und auf unsere Bewunderung haben, erlangt.

Viele Neuere haben jedoch die Theorie von Hippocrates angenommen, indem sie dieselbe blos nach den wissenschaftlichen Doctrinen ihrer Zeit modificirten. Descartes läßt das neue Individuum sich in Folge einer Gährungsbewegung bilden, die in dem Samen beider Geschlechter eintritt. Nach Pascal haben die beiden Samen eine verschiedene chemische Natur, der männliche ist sauer, der weibliche alkalisch, und aus ihrer durch diese Naturverschiedenheit gebotene Verbindung geht das neue Individuum hervor. In jedem Samen, sagt Maupertuis, sind Theile vorhanden, welche geeignet sind, jedes Organ zu bilden; bei der Vermischung dieser Samen in der Zeu<241, 195>gung finden und häufen sich die similaren Theile durch eine Art Kristallisation zusammen. Buffon selbst hat durch sein System der organische Molecülen nur die Ideen von Hippocrates auf' s Tapet gebracht. Diesem beredten Naturforscher zufolge giebt es in der Natur zwei Arten von Materien, eine lebende und eine todte, die erste in ihrem Lebenszustande permanent verharrende besteht in einer unendlichen Menge von kleinen unverderbbaren Theilchen, die er organische Molecülen nennt. Diese Molecülen bilden, indem sie sich in größere oder geringerer Quantität mit der todten Materie verbinden, alle die organischen Körper und gehen, ohne sich jemals zu zerstören, unaufhörlich aus den Vegetabilien in die Thiere, vermöge der Ernährung dieser letztern über, und kehren aus den Thieren durch ihren Tod und ihre Fäulniß zu den Pflanzen zurück; ihre Quantität in dem Universum ist für immer bestimmt. Andererseits bilden diese verschiedenen Pflanzen und Thiere, eben so viele verschiedene Modelle, in welchen sich die organischen Molculen sammeln. Zuerst dienen diese letzteren den Wesen nur zur Ernährung und Entwickelung, wenn sie aber ihre ganze Entwickelung erlangt haben, so senden sie die überflüssigen Molecülen als Depot in ihre Geschlechtsorgane, und es haben diese Molecüle in jedem Theile des Körpers die Form dieses Theiles angenommen. So haben sich die Samen beider Geschlechter gebildet und es sind diese Samen Auszüge aus allen Theilen. Endlich häuft bei der Vermischung dieser Samen in der Zeugung die nämliche Kraft, welche diese organischen Molecülen den Theilen des Körpers behufs seiner Ernährung und seines Wachsthums assimilirte, dieselben zusammen, um ein neues Wesen zu constituiren; je nachdem bei der Vermischung die Molecülen des Männchens oder die des Weibchens vorherrschen, ist die Frucht von dem einen <241, 196> oder dem andern Geschlechte. Demnach sind in diesem Systeme sich ernähren, sich entwickeln und sich reproduciren, Wirkungen einer und derselben Ursache. Es erklärt sich, warum die Zeugung erst nach dem Entwickelungsalter möglich ist, warum ihr Mißbrauch mager macht und erschöpft, warum dagegen die Eunuchen und die verstümmelten Thiere fetter sind. Es gleichen endlich diese Früchte dem Vater oder der Mutter, je nachdem jedes dieser beiden Individuen mehr organische Molecülen geliefert hat, und wenn es im Allgemeinen bei der Menschenspecies mehr Knaben als Mädchen giebt, so liegt der Grund darin, daß die Frauen als der schwächere Theil auch einen schwächeren Samen oder eine geringere Quantität desselben liefern. Trotz allen Talentes, womit Buffon dieses System erörtert, widerspricht es doch zu sehr den Thatsachen, als daß es angenommen werden könnte. Die organischen Molecülen sind eine grundlose Hypothese; es giebt keine zwei Materien in der Natur, die organische Materie ist nur die allgemeine Materie, welche das Leben modisicirt hat; und man sieht unaufhörlich die organische Materie sich zerstören und dagegen die allgemeine Materie sich organisiren. Wie unbestimmt ist anderer Seits die Ansicht von den durch die verschiedenen Vegetabtlien und Thiere gebildeten Modellen? Ist das Bläschen des Eierstocks eine mit Samen gefüllte Kapsel? Besteht dieser Same aus so viel verschiedenen Molecülen, als es besondere Organe in dem menschlichen Körper giebt? Wo ist der Beweis für eine solche Behauptung? Ist sie wahr, warum erzeugen verstümmelte Eltern gut gebildete Kinder? Woher kommen in diesem Falle die Molecülen, derer die Eltern beraubt waren? Woher kommen diejenigen welche die annexen Theile des Fötus bilden?

2) Evolution. -- Bei diesem andern Systeme nimmt man an, daß das neue Individuum unter ir<241, 197>gend einer Form in einem der Geschlechter präexistirt, und daß es bei der Zeugung durch das andere belebt, von nun an die Reihe der Entwickelungen beginnt, welche es zur Bildung eines unabhängigen Wesens führen müssen. Die Anhänger dieses Systems theilen sich in zwei Secten: die Ovaristen und die Animalisten. Die Ovaristen behaupten, daß das, was den Eierstock liefert, ein Ei ist, und sie definiren das Ei als einen organischen Theil, der aus einem Embryo und besonderen Organen besteht, die zur Ernährung und zu den ersten Entwickelungen dieses Embryo bestimmt sind, und was nach einer Reihe von Entwickelungen fähig ist, ein Individuum zu werden, was demjenigen gleich ist, von welchem es kommt, während die Anhänger der Epigenese beide Geschlechter für gleich wichtig bei der Zeugung erklärten, legten die Ovaristen dem Weibchen die Hauptrolle bei. Dieses Eiersystem verdankt seinen Ursprung der Beachtung der Eier legende Thiere: denn bei ihnen ist das, was das Weibchen zur Zeugung liefert, offenbar ein Ei, und bei vielen wird dieses Ei vor der Vereinigung der beiden Geschlechter gelegt und äußerlich befruchtet, es war natürlich durch Analogie diese Disposition auf die Viviparen auszudehnen. Harvey that zuerst den Ausspruch: Omne vivum ab ovo. Später belegte Stenon nach dieser Analogie mit dem Namen Eierstock die Hoden der Weibchen und später schienen die successiven Arbeiten von de Graaf, von Malpighi, Valisnieri, Bones, Spallanzani u. A. über das durch den Eierstock gebildete Bläschen und den Verlauf dieses Bläschens durch die Muttertrompete in die Gebärmutter von diesem System eine directe Demonstration zu geben.

Man führte übrigens zu seiner Unterstützung folgende Betrachtungen an: 1) Die Präexistens des Keims vor der Befruchtung in vielen Wesen; -- 2) die <241, 198> Eigenthümlichkeit, welche manche Thiere darbieten, vermöge welcher durch eine einzige Begattung bei ihnen mehrere Generationen befruchtet werden, z. B. bei den Blattläusen; -- 3) die natürlichen und zufälligen Einkapselungen (in der Zwiebel der Hyacinthe z. B. liegen schon die Rudimente der Blüthe, die sie liefern soll, ebenso in den Knospen der Bäume die Rudimente der Aeste, Blätter und Blüthen); -- 4) die Metamorphosen, bei den Batrachiern und Insekten; -- 5) die künstlichen Befruchtungen; -- 6) die Reproduktionskraft bei manchen Thieren, durch welche einzelne Körpertheile, welche abfallen oder sonst irgend verloren werden, sich erneuern.

Im Jahre 1674 entdeckten Ham und Leuwenhoek einerseits, und Hartsoeker andererseits in den Samen der Thiere eine außerordentlich große Menge kleiner Körper, welche spontane Bewegungen machten, und da diese kleinen Körper ihnen Thiere zu sein schienen, so gab die Entdeckung zu einem neuen Systeme über die Zeugung, nämlich zu dem der Samenthierchen, Veranlassung. Man nahm an, daß diese Thierchen in Folge mehrerer Metamorphosen das neue Individuum bildeten. Während in dem Einschachtelungssysteme die erste Frau das ganze Menschengeschlecht enthielt, so enthielt hier der erste Mann alle künftige Generationen, indem das Samenthierchen der präexistirende Keim, der kleine organisirte Mensch war, in welchem alle anderen eingeschlossen lagen. Es wurden zur Unterstützung dieses Systems Thatsachen und theoretische Gründe angewendet. Es sind Samenthierchen in dem Samen aller Thiere vorhanden, und man findet solche Thierchen nicht in den andern Säften des Körpers. Diese Thierchen unterscheiden sich bei den verschiedenen Thierspecies, sind sich aber in dem Samen eines und desselben Thieres immer gleich. Sie zeigen sich in dem Samen eines <241, 199> jeden Thieres nur in dem Alter, wo die Zeugung möglich ist, und fehlen in dem ersten wie in dem letzten Lebensalter. Ihre Anzahl ist so beträchtlich, daß sie in einem Tropfen Samen von einem Hahne, der an Volum kaum einem Sandkorne gleich kommt, gegen funfzigtausend betragen, was für die Anhänger des Systems mit der Verschwendung im Verhältniß steht, welche im Allgemeinen die Natur in Bezug auf die Reproduction der lebenden Arten entfaltet, und ein Erklärungsmittel abgiebt, warum Spallanzani mit Atomen von Samen künstliche Befruchtungen bewerkstelligen konnte. Die Kleinheit der Thierchen schien ihnen ebenfalls nicht mit der Größe des Wesens, was daraus hervorgehen soll, im Mißverhältniß zu stehen; denn sie erblickten noch mehr Unterschiede zwischen einem Samen und dem Baume, der daraus hervorgeht. Das Samenthierchen wurde also als das Rudiment des neuen Individuums hingestellt: es handelte sich nun nur noch darum, die Erscheinungen zu beschreiben; und da noch keine Beobachtung etwas über diese lehrte, so nahm man zur Einbildungskraft seine Zuflucht. So behauptete Leuwenhoek, daß die in die Gebärmutter gespritzten Samenthierchen die Eier hinzögen und sie in wahre Embryonen umwandelten. Andry ließ sie durch die Muttertrompeten kriechen und zu einem Bläschen des Eierstocks gelangen, wo das eine von ihnen sich entweder von selbst oder durch die Thätigkeit einer Klappe, welche es daselbst zu bleiben nöthigt, einschließt, sodann mit ihm in die Gebärmutter zurückkehrt und daselbst seine Entwickelungen vermittelst der ernährenden Substanz, welches dieses Bläschen enthält, beginnt. Maupertuis behauptete, daß die Thierchen die Molecülen des Samens ihren eigenen Platz einnehmen ließen, indem sie so dieses System mit dem der Seministen vereinigen wollten. Allein diese Er<241, 200>klärungen waren zu offenbar hypothetisch, um anzusprechen; Spallanzani erblickte in den Samenthierchen nur gewöhnliche Infusorien. Buffon hielt sie für seine organischen Molecülen; und ein Arzt aus Montpellier, Plantade, brachte durch eine Broschüre, die er unter dem falschen Namen Dalempatius bekannt machte, dieses System vollends in Mißkredit, indem er die Meinung aussprach, daß die Samenthierchen sich metamorphosirten und schon unter ihrer Hülle die menschlichen Formen erkennen ließen.

Indessen haben Dumas und Prevost die Aufmerksamkeit der Gelehrten wiederum auf die Samenthierchen hingelenkt: sie bestätigen nicht blos ihr Vorhandensein, sondern betrachten sie auch als die direkten Agentien der Befruchtung, und als das, wodurch der Same zu diesem Akte beiträgt. Sie haben sie vermittelst des Mikroskops bei allen Thieren erkannt, deren Samen sie untersucht haben, und die Zahl derselben ist sehr groß. Sie mochten nun den Samen untersuchen, nachdem er von einem lebenden Thiere ausgeschieden worden war, oder die Untersuchung erst nach dem Tode anstellen, indem sie dieses Fluidum aus dem Ductus deferens oder aus dem Parenchym des Hodens nahmen, so waren diese Thierchen gleich leicht wahrnehmbar; daß sie es sind, welche den specifischen Charakter des Samens ausmachen, dafür spricht nach Dumas und Prevost, daß man sie nur in dieser Feuchtigkeit findet, und nichts Analoges in irgend einer andern Feuchtigkeit des Körpers, noch selbst in den andern Säften, die in den Geschlechtsapparat ergossen werden, nämlich in den Säften der Vorsteherdrüse, der Cooper'schen Drüsen u. s. w. vorhanden ist. Diese Thierchen waren bei einer und derselben Thierspecies in Beziehung auf die Form, die Größe, die Locomotionsweise einander gleich: allein sie hatten bei jeder Art verschiedene Formen <241, 201> und Dimensionen. Sie erlitten keine Veränderungen in der Reihenfolge der Geschlechtsorgane, und waren ebenso vollkommen in den Hoden, als in dem Momente, wo sie mit dem Samen nach Außen gespritzt wurden, weshalb Leuwenhoek Unrecht hat, wenn er deren von verschiedenen Lebensaltern erkannt haben will. Sie besaßen spontane Bewegungen, die nur allmälig nach zwei oder drei Stunden in dem während des Lebens durch Ausspritzung erhaltenen Samen, nach funfzehn bis zwanzig Minuten in dem nach dem Tode aus den Gefäßen genommenen, und nach achtzehn bis zwanzig Stunden in dem nach dem Tode in seinen eigenen Gefäßen gelassenen Samen aufhörten. Um sie für die Zeugung nützlich zu halten, reichte unstreitig die Beobachtung hin, daß sie nur in dem Samen vorhanden sind; was ferner diese Vermuthung bestätigen muß, ist das, daß sie nur zu den Zeiten, wo die Verrichtung möglich ist, darin vorhanden sind. So bietet bei der Menschenspecies der Same gar keine Thierchen in der ersten Kindheit und in dem letzten Lebensalter dar; und bei den Vögeln, den Hahn und die Taube ausgenommen, zeigen sie sich in diesem Safte nur in den von der Natur für die Begattung dieser Thiere bestimmten Epochen. Diese nämlichen Thatsachen müssen auch die Ansicht widerlegen, daß sie nur Infusorien sind, und zwar um so mehr, als diese in der Regel in den Säften der lebenden Wesen fehlen. Ein zweiter Beweis, daß sie im Allgemeinen an dem physiologischen Zustande des Wesens, welches sie liefert, gebunden sind, besteht darin, daß ihre Bewegungen rasch oder langsam vor sich gehen, je nachdem das Thier, welches den Samen geliefert hat, worin man sie beobachtet, jung oder alt, gesund oder krank ist. Nach diesen und mehreren anderen Thatsachen, die wir berichten werden, behauptet Dumas und Prevost, daß diese Thierchen die Be<241, 202>fruchtung bewerkstelligen. In ihren Untersuchungen über das Ei der Säugethiere haben sie die Thierchen die Hörner der Gebärmutter erfüllen und darin leben und sich bewegen sehen, bis zum Hinabsteigen der Eichen in diese Organe; dann erst zerstörten sich und verschwanden allmälig diese Thierchen. Sicher sind diese Thierchen dasjenige, was in dem dicksten Theile des Samens am bemerkenswerthesten ist, und es ist bewiesen worden, daß der Same nur durch diesen, und nicht durch eine Aura seminalis, durch irgend einen flüchtigen Theil, befruchtet. Der Same verliert nach zwanzig Stunden sein befruchtendes Vermögen, und in diesem nämlichen Zeitraume sieht man die darin vorhandenen Thierchen nach und nach ihre Bewegungen einstellen und umkommen. Wie die von dem distillirten Samen erhaltene Flüssigkeit, wie wir gesehen haben, nicht befruchtet, während das, was davon in der Retorte bleibt, die befruchtende Eigenschaft behält; eben so hat der bis zur Trockniß verdampfte und später mit Wasser verdünnte Same nicht mehr befruchtet. Endlich haben in zwei Versuchen Dumas und Prevost in dem Samen nur die Thierchen zu zerstören gesucht, und es reichte dies hin, um dieser Feuchtigkeit ihr befruchtendes Vermögen zu nehmen: bei dem einen Versuche wurden durch eine hinlänglich wiederholte Entladung einer Leidener Flasche alle Thierchen, die in einer mit Samen vermischten Flüssigkeit waren, getödtet, und es hörte dann die Flüssigkeit auf, befruchtend zu sein. In den andern haben sie zu mehreren Malen auf einen fünffachen Filter mit Samen versetzte Flüssigkeit gegossen, um diese Thierchen auf dem Filter zurückzubehalten; und sie fanden nach einer Stunde, als sie auf diese Weise eine Flüssigkeit erhalten hatten, die keine Thierchen mehr zu enthalten schien, daß sie in der That mit ihr nicht mehr Befruchtung bewerkstelligen konnten, <241, 203> während sie es mit dem auf dem Filter zurückgebliebenen Theile vermochten. Schon Spallanzani hatte diesen Versuch gemacht und das nämliche Resultat erhalten; nur fügt dieser Gelehrte hinzu, daß er Befruchtungen mit dem Wasser bewerkstelligte, worin er die Papiere, die zum Filter gedient hatten, wusch. Aus diesen Thatsachen schließen Dumas und Prevost, daß es die Samenthierchen sind, welche die Befruchtung bewerkstelligen; indem sie sich andererseits darauf stützen, daß sie die ersten Lineamente des Fötus gesehen haben, so vermuthen sie, daß das Samenthierchen das Nervensystem des neuen Wesens bilde, und daß das Eichen nur die zellige Grundlage liefert, worin sich die Organe bilden. Um dem Einwurfe in Betreff der sehr kleinen Samenquantitäten, mit welchen Spallanzani und sie selbst künstliche Befruchtungen bewerkstelligt haben, zu begegnen, haben sie durch einen positiven Versuch die außerordentliche Kleinheit der Samenthierchen constatirt; sie haben die Samenbläschen eines Froschmännchens in zehn Grammen Wassers verdünnt und sodann einen Tropfen der Flüssigkeit auf ein in Melimetrebruchtheile getheiltes Mikrometer gebracht und sich überzeugt, daß ein Cubus von einem Fünftelmillimetre deren fünf bis sechs enthielt; und daß es deren also drei bis vierhundert in einem einzigen cubischen Millimetre gab. Die Versuche von Spallanzani können also nicht mehr für eine bloße Hypothese angesehen werden.

Die Empfängniß ist ein Akt, welche, ohne daß man etwas davon wahrnimmt und unabhängig von dem Willen vor sich geht. Manche Frauen behaupten, an einem Froste, an einem Schmerze in der Nabelgegend, an irgend einer Unterleibsstörung erkannt zu haben, daß sie Mutter geworden sind; allein abgesehen davon, daß diese angeblichen Zeichen sehr schwankend <241, 204> sind, so geht meistentheils die Empfängniß vor sich, ohne daß man etwas davon weiß. Es ist auch gewiß, daß der Wille nichts dabei vermag; daß man z. B. nichts thun kann, damit sie stattfindet, eben so wenig als man auf ihre Produkte einen Einfluß zu äußern vermag. Eine Frau, welche Kinder zu haben wünscht, kann deren keine bekommen, und eine andere wird bei jedem Beischlafe schwanger. Die nämliche Unwissenheit, in der man sich über die Erscheinungen, welche bei der Befruchtung vor sich gehen, befindet, erstreckt sich auch aus die Umstände, welche bewirken, daß sie stattfindet oder nicht. Es findet unstreitig Unfruchtbarkeit statt, wenn die von beiden Geschlechtern gelieferten Materien wegen physischer Hindernisse sich nicht vermischen können; allein oft ist sie auch vorhanden, ohne daß man sie einer solchen Ursache Schuld geben kann. Hängt dies dann von irgend einem Fehler des Samens oder des Eierstockbläschens ab? Es ist dies wahrscheinlich, ohne daß man jedoch sagen kann, worin dieser Fehler besteht. Man behauptet auch, daß es einer Beziehung zwischen diesen beiden Materien bedürfe, ohne jedoch genauer anzugeben, worin diese Beziehung besteht. Es scheint, daß die Befruchtung um so wahrscheinlicher ist, als die beiden Individnen bei der Begattung die nämliche Erregung fühlen. Sie geschieht auch leichter, wenn der Beischlaf nach der Menstruation stattfindet, entweder weil alsdann die Gebärmutter etwas geöffnet bleibt, oder weil der ganze Apparat einen Ueberrest von Erregung behalten hat. Bei den Thieren, bei welchen die Zeugung nur in einer einzigen Epoche des Jahres vor sich geht, erfolgt die Befruchtung weit constanter auf die Begattung als bei der Menschenspecies.

Es findet die Empfängniß nicht blos unwiderstehlich statt, sondern es vermag auch der Wille nichts über ihre Produkte: z. B. über das Geschlecht des <241, 205> Kindes, über seine zukünftigen physischen und moralischen Eigenschaften. Zwar haben einige alte Philosophen und Aerzte, Anaxagoras, Aristoteles und Hippokrates geglaubt, daß der rechte Hode und Eierstock die Rudimente der Knaben, und daß diese Theile linker Seits die der Mädchen lieferten. Ja Plinius will sogar an einem Zuchstöhre Versuche gemacht haben, und es hat auf diese Idee hin der Doktor Millot die Kunst, die Geschlechter nach Belieben zu erzeugen, gründen wollen. Man müßte aber erstens, wenn man auch das Faktum, auf welchem dieses System beruht, für wahr annimmt, vorzugsweise entweder auf diesen oder jenen Eierstock, oder auf diesen oder jenen Hoden Einfluß haben oder ihn in Thätigkeit versetzen können, und man sieht nicht ein, wie man dazu gelangen könnte. Zweitens ist es falsch, daß von dem rechten Eierstocke und Hoden die Knaben, und von dem linken Eierstocke und Hoden die Mädchen kommen; denn Männer, die eines Hodens beraubt waren, haben Mädchen und Knaben gezeugt. Dasselbe ist der Fall bei Frauen gewesen, bei welchen einer von den Eierstöcken durch eine Krankheit zerstört worden war. Man hat versuchsweise bei Kaninchen einen von den Eierstöcken zerstört, und es haben diese Thiere später, nachdem sie belegt worden waren, Junge von beiden Geschlechtern zur Welt gebracht. Als man endlich ein trächtiges Kaninchen öffnete, fand man in einem und demselben Horne der Gebärmutter männliche und weibliche Früchte, obschon alle sicherlich von einem und demselben Eierstocke, nämlich dem entsprechenden, kamen Diese Eigenthümlichkeit der Empfängniß ist wie jede andere glücklicherweise dem Einflusse unseres Willens entzogen.

Es verhält sich ferner eben so mit der Anzahl der Produkte der Empfängniß: obschon die Menschenspecies meistentheils nur ein Individuum erzeugt, so <241, 206> beobachtet man doch bisweilen Zwillings=, ja selbst Drillings= und Vierlingsschwangerschaften. So wie nun die vielfach gebärenden Thiere nichts über die Anzahl der Jungen, die sie erzeugen, vermögen, und die bestimmten Gesetze, die jedes in dieser Hinsicht darbietet, häufige Abänderungen zeigen, eben so vermag auch nicht das Weib nach ihrem Belieben ein Kind oder mehrere zu erzeugen. Die Ursache, welche über dieses Faktum entscheidet, kennt man eben so wenig als diejenige, von welcher das Geschlecht abhängt. Die Anhänger der Evolution bezogen sie auf die Mutter, indem sie annahmen, daß mehrere Eierstocksbläschen zu gleicher Zeit befruchtet worden wären: die Anhänger des Systems der Samenthierchen bezogen sie auf den Vater. Man hat Thatsachen zu Gunsten beider Ansichten: manche Frauen, die successive sich an mehrere Männer verheirathet hatten, haben stets Zwillingsschwangerschaften gehabt, während ihre Männer mit andern Frauen einfache Schwangerschaften bewirkten; manche Männer haben die umgekehrte Erscheinung dargeboten. In Bezug auf diesen letztern Umstand kann man wohl keinen merkwürdigeren Fall anführen, als den jenes Bauern, welcher im Jahre 1755 der Kaiserin von Rußland vorgestellt worden war: er hatte zwei Frauen gehabt; die erstere hatte in 21 Wochenbetten 57 Kinder gehabt; und die zweite in 13 Wochenbetten 33; alle Geburten waren Vierlinge oder Drillinge oder Zwillinge gewesen.

Endlich hat man ebenfalls keinen Einfluß auf die zukünftigen physischen und moralischen Eigenschaften des Kindes; es hat unwiderruflich dieses oder jenes Temperament, diese oder jene Constitution, es ist gut oder schlecht, gebildet u. s. w. Wir haben jedoch hier mehr Gewalt; denn wenn wir auch keinen momentanen Einfluß ausüben können, so vermögen wir doch <241, 207> wenigstens mit der Länge der Zeit einige Modifikationen zu bewirken. Erstens ist es möglich, daß der moralische Zustand der beiden Individuen in dem Momente der Vereinigung, so wie der Activitätsgrad, mit welchem sie die Verrichtung vollziehen, einen Einfluß auf ihr Resultat, und folglich auf die Eigenschaften des neuen Individuums hat. Ohne mit Aristoteles anzunehmen, daß die größere Häufigkeit der Deformitäten der Menschenspecies von der Nachlässigkeit abhängt, mit welcher dieselbe die Zeugung vollzieht, so ist es doch keineswegs vernunftwidrig, wenn man annimmt, daß das neue Individuum mehr oder weniger lebendig ist, je nachdem seine ursprüngliche Schöpfung mit mehr oder weniger Energie oder Schwäche vollzogen wurde. Zweitens giebt es, wenn man diesen ersten Einfluß als nicht hinlänglich dargethan verwürfe, noch einen andern unbestreitbaren, welcher von den Eigenschaften der Väter und Mütter abhängt: denn diese Väter und Mütter tragen oft sowohl ihre Constitution als ihre moralischen Eigenschaften, ihre Krankheiten und selbst ihre äußeren Formen auf ihre Kinder über, da man oft zwischen ihnen die größten Aehnlichkeiten bemerkt. Ist es nun also nicht möglich, dadurch auf die Eigenschaften der Kinder einen Einfluß auszuüben, daß man die Begattungsbedingungen regelt und die Wahl der Individuen, welche sie verbinden, leitet?

Wenn wir daher auch die Kunst, die Geschlechter nach Belieben zu erzeugen, unter die Chimären verwiesen haben, so urtheilen wir doch weniger streng über die der Megalonthropogenesis, d. h. über die Kunst, schöne und geistvolle Kinder zu erzeugen. Haben wir einmal die Möglichkeit eines durch den moralischen Zustand der Gatten in dem Momente des Beischlafs ausgeübten Einflusses, und vorzüglich die einer erblichen Uebertragung der Eltern auf die Kin<241, 208>der angenommen, so sieht man leicht ein, daß man Alles das, was auf diese beiden Dinge Bezug hat, etwas beherrschen kann. Kann man bezweifeln, daß der Mißbrauch des Beischlafs den erzeugten Früchten eine ursprüngliche Schwäche mittheilt; und daß dagegen bei einer gehörigen Ausübung der Zeugung kräftige Kinder erzeugt werden? Um unsere Hausthiere fortzupflanzen und unaufhörlich die Racen zu verbessern, machen wir eine Auswahl der Männchen und Weibchen, die sich begatten sollen; wir wählen sie in dem kräftigen Alter und kreuzen verschieden die Racen, je nach der Gattung der Eigenschaften, die wir den Produkten mittheilen wollen: wer möchte zu behaupten wagen, daß Alles dieses, wenigstens theoretisch, nicht ebenfalls auf den Menschen anwendbar sei; wir sind gewiß weit entfernt, zu verkennen, daß die hohe Würde unserer Species Freiheit für die zu einem gesellschaftlichen Zustande verbundenen Individuen erfordert; allein verstößt die Gesetzgebung nicht gegen die Gesetze der Physiologie, und folglich der Natur, wenn sie z. B. die Ehen zwischen Personen von einem außerordentlich unverhältnißmäßigem Alter, oder zwischen gesunden und an erblichen Krankheiten leidenden Personen gestattet? Wir müssen gestehen, daß man, weit entfernt, die Verschlechterungen zu verbessern, nicht einmal bemüht ist, ihnen zuvorzukommen.

Zeugungsvermögen, s. Pfeil-IconZeugung.

nächster Abschnitt Laden der nächsten Artikel